In der Fremde (gewesen) sein

Herr Manke, Sie waren beruflich im Ausland. Wo waren Sie denn?

Ich war insgesamt zweimal mit der Bundeswehr in Afghanistan, 2005 für 6 Monate in Kundus und 2007 für 4 Monate in Kabul.

Was haben Sie gedacht, was Ihnen am meisten fehlen wird, wenn Sie ins Ausland gehen?

Am meisten die Freundin, meine heutige Frau. Jedoch dachte ich beim 1. Einsatz vielmehr an das, was mich erwarten wird, als an das, was ich zurücklasse. Beim 2. Einsatz wusste man in etwa schon, was einen erwartet. Da dachte man nicht mehr so viel über diese Dinge nach.

Wie kam es dann? Was haben Sie besonders vermisst?

Die Kameradschaft war zwar immer gut, aber am meisten vermisst man eigentlich immer die liebgewordenen Menschen wie Partnerin, Familie und Freunde. Etwas mehr Privatsphäre hätte ich mir auch gewünscht und einen schönen Regen. Das fehlte vor allem im heißen, staubigen Alltag in Kundus.

Sind Ihnen andere Dinge, die Ihnen in Deutschland nicht so wichtig waren, plötzlich wichtig geworden und ans Herz gewachsen? Hat sich zum Beispiel Ihre Einstellung zum Glauben verändert?

Zeit bekommt eine andere Dimension. Man konnte oft morgens nicht sagen, wie der Tag verläuft. Komme ich wieder ins Lager zurück? Kommt was dazwischen, sind wir mehrere Tage weg? Entfernungen wurde nicht in Kilometern sondern in Stunden angegeben. Abends, nachts oder beim Warten auf die nächste Aufgabe gab es viel Zeit zum Nachdenken. Im Einsatz denkt man durch die Nähe zu Tod und Vergänglichkeit viel über sich selbst und seine eigene Endlichkeit nach. Mit einigen Kameraden gab es intensive Gespräche über Glaubensfragen und Gefühle. Wir waren alle in der gleichen Situation. Erlebtes unter „Gleichen“ wird, denke ich, intensiver besprochen.

Der eigene Glaube wird einem wichtig und ich wollte das zeigen, indem ich ein Kreuz an meiner Erkennungsmarke trug. Für die afghanischen Moslems war das ebenfalls wichtig, denn keinen Glauben zu haben, wurde sehr verachtet.

Gott sei Dank kam bei meinen Einsätzen niemand aus meinem Umfeld ums Leben und ich selbst musste auch keinem Schaden zufügen. Hier in Deutschland brauche ich deutlich weniger Stoßgebete.

Welche Schrulligkeit an Deutschland lernten Sie mit anderen Augen sehen? Mit anderen Worten: Welche hier verpönte Eigenheit Deutschlands sahen Sie plötzlich mit ganz anderen Augen?

Man lernt zu schätzen, was man hat. Ich bekam eine Tasse mit dem Uni Wappen, obwohl ich nie Student hier in Tübingen war. Hier hätte ich diese Tasse in den Schrank gestellt und mich gefragt, was soll ich damit. Dort war es ein Stück Heimat für mich. Grillabende, mal ein Bier zusammen trinken, das wurde selbstverständlich gepflegt. Aber Liegestühle vor dem Frühstück mit Handtüchern belegt, haben wir dann doch nicht.

 

Das mach ich gleich, wenn ich wieder in Deutschland bin! Was hatten sie sich vorgenommen? 

Ganz klar: Eine Brezel essen! Meine Frau hatte zur Abholung eine dabei. In Kundus gab es keine. Das war ein hartes Los.

Was steht noch aus?

Alle wollten einfach nur nach Hause und ihre Lieben wiedersehen. Allenfalls die Jüngeren hatten sich was vorgenommen und wollten einen draufmachen.

Haben sie ein Fazit aus ihrem Auslandsaufenthalt?

Ich kam sehr ausgeglichen zurück. Alltagsproblematiken z.B. im Straßenverkehr: Ein langsames Auto vor mir – das hat mich völlig kalt gelassen. Drängler, kein Problem, konnte ich einfach rein lassen. Es gibt schlimmeres auf der Welt. Uns geht es hier so gut. Dann brauche ich mich darüber nicht aufregen.

Es war und ist ein großer Erfahrungsschatz für mich im Ausland gewesen zu sein. Man bekommt eine andere Sicht auf sich, seine Kameraden und die Dinge in der Welt. Wenn man vorher wüsste, dass einem nichts passiert …? Ich würde wieder gehen.

Vielen Dank für die offenen Antworten. Walter Hölle


Zum Jahresthema: „Fremd“

Fremdes Land Krankheit- Fremdes Land Trauer Interview mit Doris Knie-Beck

Vor Jahren hat Sie persönlich eine unerwartete Krebsdiagnose erreicht. Wann war das und was waren damals ihre ersten Gedanken?

Frau Knie-Beck: Das war 2005, diagnostiziert wurde seinerzeit ein Lymphom im Magen. Als ich es erfahren hatte, war ich über mich selbst erstaunt, dass ich mich nicht fragte, warum ausgerechnet ich, sondern, warum bist du so lange selbst verschont geblieben? Über meine Arbeit war ich ja immer wieder konfrontiert mit Krebsdiagnosen, vielleicht deshalb. Und ich bin mit kranken Eltern aufgewachsen, also gehörte Krankheit zu meinen nahen Erfahrungen. Irgendwie war es mir geschenkt, dass ich mir sagen konnte: „So, jetzt bist du dran.“ Ich habe versucht, mich dem zu stellen, habe mich genau über meine Krankheit informiert. Ich habe auch sofort alles für meinen Todesfall geregelt. Ich wollte das so haben. Dann konnte ich meinen Weg in der Krankheit gehen.

 

Wie fühlte sich das Kranksein an? Viele sagen ja, eine schwere Krankheit ist wie eine Reise in ein fremdes Land.

Ja, es gab immer wieder sehr schwere Stunden. Gerade rund um die Chemobehandlungen habe ich mich oft sehr schwach gefühlt und Schmerzen gehabt. Selbst zum Singen fehlte mir die Kraft. Schwer auszuhalten war auch, wenn ich nicht richtig wusste, woran ich medizinisch war. Und das ist ja auch ein Zeichen der Krankheit, dass man dann keine Kraft mehr hat zu kämpfen.

 

Wie hat sich das veränderte Aussehen körperlich angefühlt? Kamen mit der Chemo auch Fremdheitsgefühle?

Als ich die Haare verloren hatte, hatte ich weniger Probleme mit dem Leben nach außen, konnte gut mit Kopftuch oder Mütze rausgehen. Aber ich konnte mich selbst lange nicht im Spiegel an-sehen. Eines Tages habe ich mich über-winden kön-nen, schaute mich im Spiegel an und sagte mir: „So, das bist jetzt du!“ Irgendwie konnte ich mich dann meinem Erscheinungsbild stellen, aber das dauerte eben.

 

Was hat Ihnen damals in dieser Situation geholfen?

Geholfen haben mir die Menschen, die in dieser Zeit zu mir gehalten haben. Vor allem meine Familie. Und natürlich auch Freundschaften, gleichzeitig war ich insgesamt weniger gesellig, weil ich auch Zeit für mich brauchte.

 

Gab es so etwas wie seelische Widerstandskräfte, die Sie damals entwickeln konnten? Wir Menschen tragen ja nicht nur das Schlimme in uns, sondern auch das Heilsame. Gab es das für Sie?

Heilsam war, dass ich die Kraft bekam, mich auf die Krankheit einzulassen. Vor allem aber hatte ich „meine Lieder“, die waren fest in mir verankert. Es waren meine Lieblingslieder, das waren: „Geh unter der Gnade“, „Bis hierher hat mich Gott gebracht“ und „Wer nur den lieben Gott lässt walten.“ Diese Lieder haben mich immer wieder getragen. Obwohl ich selber keine Kraft mehr zum Singen hatte, hörte ich mich sie singen, Vers für Vers. Dann waren meine täglichen Spaziergänge sehr wichtig. Auch wenn ich es manchmal kaum geschafft habe, konnte ich nicht ohne den Kontakt zur Natur sein. Heute gibt es ja begleitende Sportangebote für krebskranke Menschen, aber das gab es zu meiner Zeit noch nicht. Ich spürte, dass mir das gut tut.

 

Sie haben gerade von „Ihren Liedern“ gesprochen, das sind alles Lieder aus dem Ev. Gesangbuch. Könnten Sie sagen, dass sie Sie irgendwie durch getragen haben?

Ja, immer wieder waren es einzelne Zeilen, die mir besonders wichtig wurden.

 

Und nun nach dem tiefen, schweren Verlust des eigenen Sohnes, kann man da auch sagen: Wenn man trauert, ist man in einem fremden Land?

Die Trauer fühlt sich ganz anders an. Die ganze Ohnmacht - nichts für ihn tun zu können und aushalten zu müssen, dass er gehen musste - das war und ist für mich viel schwerer und härter, als mit meiner eigenen Krankheit umgehen zu müssen. In der Trauer erfährt man eine andere Art von Fremdheit, von sich selbst und von anderen. Ich kannte mich bis jetzt so noch nicht. Ein Bespiel: Man nimmt sich etwas vor, schafft es aber einfach dann doch nicht aktiv zu werden. Oder: Es gibt Stunden, Tage, wo man sich völlig zurückzieht und jeglichen Kontakt nach außen meidet. Die Trauer kommt in Wellen, an einem Tag geht es, an einem anderen ist alles wieder in voller Wucht präsent. Glücklicherweise erinnert man sich dann auch an die Liebe, die gewachsen ist und nie verloren geht. Dies gibt auch Trost und so langsam mache ich nun kleine Trippelschritte ins Leben, ganz langsam.

 

Hat sich nun mit diesen beiden Erfahrungen Ihr Glaube verändert oder vertieft?

Mein Vertrauen zu Gott habe ich nicht verloren. Ich kann auch nicht sagen, dass sich mein Glaube vertieft hat. Wie soeben erwähnt, habe ich an meinem Glauben an Gott festgehalten. Dankbar bin ich, dass ich genügend Kraft für die Trauerbewältigung bekomme. Dass mir nahestehende Menschen mich in meinem Alltag unterstützen und mir bei der Alltagsbewältigung zur Seite stehen. Mein Blick für kleine positive Begebenheiten hat sich erheblich verstärkt. Ich bin dankbar und kann sagen, dass ich gut geführt werde.