Reformation – Alles Luther oder was?

Allzu oft wird die Reformation auf die Person Martin Luther und sein Wirken beschränkt. Beim Blick in die Geschichte wird schnell klar, dass wir nicht von der Reformation und dem Reformator sprechen können. Vielmehr stehen verschiedene Personen und Orte für den religiös motivierten Aufbruch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Neben Luther und Melanchthon sind Ulrich Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf die bekanntesten Reformatoren, aber lange nicht die einzigen.

Ihr Grundanliegen war die Reform der damaligen katholischen Kirche und somit des damaligen Christentums in Europa. Die Lektüre der Bibel war der Ausgangs-punkt für alte und neue Einsichten über das Verhältnis von Gott und den Menschen. Das führte in der Folge zur Neubildung von Kirchen und Konfessionen neben der römisch-katholischen Kirche mit weitreichenden Auswirkungen für Kultur, Staat und Gesellschaft.

 

Theologische Grundanliegen der Reformation

Traditionell lassen sich die theologischen Grundanliegen zumindest der Wittenberger und Genfer Reformation in den vier sogenannten „Sola“ zusammenfassen. Sie bilden das Rückgrat des evangelischen Verständnisses. 

Sola scriptura – allein die Schrift: Die Bibel ist der Maßstab, an dem sich die Gläubigen orientieren. Gemeindeglieder können anhand der Bibel – nun auch auf Deutsch und erschwinglich durch den Buchdruck – die Predigten der Pastoren prüfen. Damit verlieren kirchliche Tradition und das zentrale kirchliche Lehramt an Bedeutung. Das Kirchenvolk wird mündig.
Solus Christus – allein Christus: Christus ist der Erlöser. Der Glaube soll sich auf Christus und nicht auf die Heiligen der Kirche konzentrieren.
Sola gratia – allein durch die Gnade: Für das Heil der Menschen sorgt die in Christus angebotene Gnade. Mit guten Werken kann ich nichts für mein Seelenheil ausrichten. Luthers Protest gegen den Ablasshandel nimmt hier seinen Ausgang.
Sola fide – allein durch Glauben: Der persönliche Glaube ist der Modus, in dem göttliche Gnade empfangen wird.

 

Bei so viel Einigkeit...

Unter den Reformatoren war man sich in vielen theologischen, sozialen und politischen Fragen einig. Trotzdem gelang es nicht, die neu entstandenen protestantischen Kirchen zu einen. Es scheiterte unter anderem an der Frage zum Verständnis des Abendmahls. So haben wir heute neben der Römisch–Katholischen Kirche viele evangelische Landeskirchen in Deutschland, die sich teilweise noch an den historischen, geografischen Grenzen orientieren.

 

Ist die Reformation zu Ende oder kommt noch was?

Nach evangelischem Verständnis ist die Kirche immer zu reformieren, ja die Kirchen brauchen geradezu das Prinzip der Reformation: Scheinbar ewig gültige Traditionen sollen hinterfragt und gegebenenfalls reformiert werden. So wurde z.B. der Ruf nach mehr Demokratie und Selbstbestimmung in den 1960er Jahren laut. In jüngerer Vergangenheit kam es zu Fusionen einzelner Landeskirchen in Deutschland. Neben strukturellen Debatten gilt es, immer wieder Antworten zu finden auf Fragen der Gestaltung und Ausrichtung kirchlicher Arbeit. Hier sind wir als Gemeindeglieder ganz im Sinne der Reformatoren aufgefordert, aktiv mitzuwirken, so wie es der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD Nikolaus Schneider formulierte: „Als offene Lerngeschichte ist die Reformation für jede Generation Gestaltungsaufgabe.“

 

Dr. Walter Hölle