Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6,2)

Wochenspruch

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

(Lk 6,36-42)

 

„Lass uns doch einfach Frieden machen!“, hatte sie gesagt und den großen Korb mit den frisch gepflückten Äpfeln auf den Küchentisch gestellt. Dann war sie gegangen. Nun glotzten ihn die leuchtend roten Früchte fast höhnisch an. Denn der ganze Streit hatte ausgerechnet mit einem Apfelbaum angefangen. Ihrer stand einfach zu nah an der Grenze. Die Äste lagen schwer auf seinem Zaun und hatten ihn schließlich beschädigt. Er hatte sich bei ihr beschwert, ein Wort gab das andere. An einem sonnigen Oktobermorgen hatte sie den Apfelbaum gefällt und einen neuen mitten in ihren Garten gepflanzt. Seitdem war Funkstille, kein Wort hatten sie seitdem miteinander gesprochen. Heute stand sie in der Tür, den Apfelkorb in der Hand. „Lass uns doch einfach Frieden machen!“ Das hatte sie gesagt. Mehr nicht.

 

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 

 

Menschen kämpfen für ihr Recht, für Gerechtigkeit, die nach ihren Maßstäben gemessen wird. Menschen verteidigen, was ihnen lieb und teuer ist. Sie wehren sich gegen Angriffe. Doch wie oft geht bei der Verteidigung der Schuss weit über das Ziel hinaus? Nicht umsonst heißt Verteidigung meist Gegenangriff.

 

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

Paulus richtet sich an die christliche Gemeinde, die sich gerade bildet und ihren Ort sucht mitten in der Welt. Es ist kein gesellschaftsveränderndes Programm, kein Appell an politische Machthaber. Angesprochen ist der Einzelne. Er soll so leben, dass in seinem Verhalten die gepredigte Liebe Gottes sichtbar wird. Dazu gehört, das Gute zu suchen und Frieden mit jedermann zu halten. Paulus behauptet nicht, dass das leicht ist. Zum Frieden gehören immer zwei. Und wenn sich der andere unversöhnlich zeigt, von seinem Standpunkt nicht einen Zentimeter abweicht und nicht aufhören will mit seinen Anschuldigungen und seinem Hass, dann bin ich machtlos. Dann kann auch ich keinen Frieden machen.

 

Paulus öffnet mit seinen Worten seine Tür. Ich steige aus aus dem ewigen Kreislauf aus Angriff und Gegenangriff. Ich will nicht alles bestimmt sein lassen von Zorn und Wut und Hass. Diese Haltung scheint schwach, ist aber stark. Denn sie setzt darauf, dass es einen gibt, dem mein Recht und die Gerechtigkeit auf Erden nicht egal sind. Diese Haltung setzt darauf, dass Gottes Gerechtigkeit größer ist als das, was wir Menschen erfassen können. Diese Haltung macht frei vom Druck, immer für das eigene sorgen zu müssen, damit nichts verloren geht. Denn es geht nichts verloren, in Ewigkeit nicht.

 

Der Apfelkorb steht immer noch auf dem Küchentisch. Die leuchtend roten Früchte glotzen ihn fast höhnisch an. „Lass uns doch endlich Frieden machen!“, hatte sie gesagt. Vielleicht hatte sie recht, vielleicht musste auch irgendwann mal Schluss sein mit aller Rechthaberei, mit dem Stolz und der eigenen Ehre. Vielleicht ist Frieden viel wichtiger als all das. Er nimmt einen Apfel und beißt hinein. Der süße Saft läuft über seine Lippen. Er lächelt.

 

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12,17-21)