So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Epheser 2,19)

Wochenspruch

Psalm 107,1-9

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,

und seine Güte währet ewiglich.

So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN,

die er aus der Not erlöst hat,

die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden.

Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege,  

und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,

die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete,

die dann zum HERRN riefen in ihrer Not

und er errettete sie aus ihren Ängsten

und führte sie den richtigen Weg,

dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:

Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder,

die er an den Menschenkindern tut,

dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.

Es klingelt. Ich erwarte niemanden und ehrlich gesagt passt es mir gerade gar nicht so gut. Besuch kann ich im Moment überhaupt nicht brauchen. Der Berg auf dem Schreibtisch, den ich noch abarbeiten muss, ist hoch und die Bügelwäsche im Keller stapelt sich bis unter die Decke. „Hallo? Wer ist da?“, frage ich durch die Gegensprechanlage. Zunächst höre ich gar nichts. Ein Auto fährt vorbei. Dann sagt eine vertraute Stimme: „Ich bin‘s, Margot!“ Margot wohnt ein paar Häuser die Straße runter. Ich würde nicht sagen, dass wir gute Freundinnen sind. Wir kennen uns kaum. Aber wenn wir uns auf der Straße treffen, winken wir uns kurz zu, wechseln wir ein paar Worte miteinander. Besucht haben wir uns noch nie. Ich bin überrascht, auch ein kleines bisschen überrumpelt. „Komm rauf,“ sage ich einigermaßen freundlich und drücke den Türöffner.

Sie sieht müde und abgeschafft aus, als ich die Wohnungstür öffne. Ich sehe eine große Schale frisch gepflückter Kirchen, die sie in ihren Händen hält. „Heute im Garten habe ich an dich und deine Kinder gedacht,“ sagt sie und streckt mir die Schale mit den Kirschen entgegen. „Für euch,“ sagt sie. Ich nehme die Kirschen dankend entgegen und bitte sie herein. Mir fällt auf, wie unordentlich es hier gerade aussieht und schäme mich ein bisschen dafür. Aber ohne etwas zu sagen, gibt sie mir das Gefühl, dass es nicht wichtig ist, dass die Schuhe mehr vor dem Regal als darinnen stehen und dass eine Jacke vom Haken gefallen ist. Wir gehen in die Küche, ich koche Kaffee. Es ist, als wäre sie schon tausend Mal hier gewesen, so vertraut fühlt sich das an. Ich setze mich zu ihr an den Küchentisch. Schweigend halten wir uns an unseren Kaffeebechern fest. Dann erzählt sie von ihrem Mann, den sie seit Jahren pflegt, von den Kindern, die nur selten vorbeischauen, für die sie aber immer da ist, wenn sie sie brauchen. Die Arbeit als Krankenschwester, die sie so geliebt hat, hat sie aufgegeben. Wie hätte sie sich sonst um ihn kümmern können? Wenn sie Zeit hat, dann hilft sie im Seniorencafé. Für andere da sein und helfen, wo man kann, das findet sie wichtig. Ich erzähle von meinem Berg auf dem Schreibtisch und der Bügelwäsche im Keller, von den Kindern, die immer alles stehen und liegen lassen, von so vielen anderen Dingen, die mich beschäftigen und mir auf der Seele liegen. Ich staune, was ich da alles erzähle, was da alles zum Vorschein kommt, einfach so, nur weil sie gerade da ist. Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück und merke, wie gut mir ihr unangekündigter Besuch gerade tut.

Ich stecke mir eine Kirsche in den Mund. Süß ist sie und saftig. Margot sieht immer noch müde aus, aber sie lächelt jetzt zufrieden. Sie freut sich, dass mir die Kirschen so gut schmecken. Ich sehe sie an und lächele auch. Schön ist das, hier mit ihr. Selten war ich in letzter Zeit so entspannt. Sie nimmt noch einen letzten Schluck Kaffee. Dann steht sie auf. Ich bringe sie zur Tür. „Danke,“ sage ich zum Abschied und schließe die Tür. „Manchmal brauchen Engel gar keine Flügel,“ denke ich und hole das Bügeleisen aus dem Schrank.

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebräer 13,1-2)