Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Johannes 15,1-8)

 

Ich möcht', dass einer mit mir geht

1. Ich möcht', dass einer mit mir geht,

der's Leben kennt, der mich versteht,

der mich zu allen Zeiten kann geleiten.

Ich möcht', dass einer mit mir geht.

 

2. Ich wart', dass einer mit mir geht,

der auch im Schweren zu mir steht,

der in den dunklen Stunden mir verbunden.

Ich wart‘, dass einer mit mir geht.

 

3. Es heißt, dass einer mit mir geht,

der's Leben kennt, der mich versteht,

der mich zu allen Zeiten kann geleiten.

Es heißt, dass einer mit mir geht.

 

4. Sie nennen ihn den Herren Christ,

der durch den Tod gegangen ist;

er will durch Leid und Freuden mich geleiten.

Ich möcht', dass er auch mit mir geht.

 

(Evangelisches Gesangbuch 209)

 

87 Jahre alt war sie geworden. Vor drei Tagen ist sie gestorben. Nun sitzen wir hier zusammen, um über ihre Beerdigung zu sprechen. Ihre Kinder erzählen, wie ihre Mutter gelebt hat, was sie er- und durchlebt hat. Die Geschichte rührt mich. Viel Schönes hat sie in ihrem Leben erfahren, aber auch viel unfassbar Schweres. Ich frage: „Haben Sie eine Ahnung, wie ihre Mutter das alles ausgehalten hat, woher sie die Kraft bekommen hat, das alles zu ertragen?“ Der Sohn legt eine alte Bibel auf den Tisch. Der Einband ist abgegriffen, die Seiten vergilbt. Der Widmung ist zu entnehmen, dass diese Bibel ein Geschenk zur Konfirmation war. Ihr Denkspruch ist fein säuberlich hineingeschrieben. Dieses Buch wurde viel gelesen, das sieht man ihm an. Auf losen Zetteln verschiedener Größe finden sich Lieder, Bibelauslegungen aus Abreißkalendern, einzelne Bibelverse mit klarer Handschrift auf blaues Papier geschrieben. „Ich meine, ihr fester Glaube an Gott hat ihr geholfen,“ sagt die Tochter.

Die Geschichte dieser Frau begleitet mich. Ich denke oft an sie. Ihren scheinbar unerschütterlichen Glaube an Gott hätte ich auch gern. Um ihre Fähigkeit, bei Gott zu bleiben und an ihm festzuhalten, trotz – oder vielleicht gerade wegen – all der schrecklichen Dinge, die sie in ihrem Leben erfahren hat, beneide ich sie. Sie hat alles ertragen, nie geklagt und war am Ende sogar recht glücklich und zufrieden mit ihrem Leben. Ich wünschte, ich selbst und viele Menschen könnten diese Erfahrung auch machen, dass der Glaube an Gott im Leben trägt und Früchte bringt.

An diesem Sonntag wäre hier in Hagelloch die Konfirmation gewesen. Wir hätten einen festlichen Gottesdienst gefeiert. Neun Jungen und Mädchen hätten mit der ganzen Gemeinde das Glaubensbekenntnis gesprochen. Auf die Frage „Wollt ihr in diesem Glauben, den wir gerade miteinander bekannt haben, wachsen und bleiben?“, hätten sie alle „Ja, mit Gottes Hilfe.“ geantwortet. Und dann wäre jeder und jedem einzelnen von ihnen der Segen Gottes zugesprochen worden. Und danach hätten alle im Kreise ihrer Familie ein schönes Fest gefeiert. An diesem Sonntag ist all das nicht möglich. Das ist unglaublich traurig. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Der Tag der Konfirmation wird kommen. Darauf freue ich mich schon jetzt. Denn was gibt es schöneres, als diesen Jugendlichen den Glauben an Gott ans Herz zu legen und ihnen zu wünschen, dass sie im Laufe ihres Lebens die Erfahrung der Frau, deren Geschichte mich schon so lange begleitet, selbst machen können: dass der Glaube an Gott im Leben trägt und Früchte bringt? Amen.

 

Gebet

 

Bleiben Sie behütet

Ihre Pfarrerin Stefanie Wöhrle