Lesung für den Erntebittgottesdienst aus 2. Mose 16

Von Elim brachen sie auf, und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Sin, die zwischen Elim und Sinai liegt, am fünfzehnten Tage des zweiten Monats, nachdem sie von Ägypten ausgezogen waren. Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und die Israeliten sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst. Da sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf, dass ich's prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht. Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. 

„Nimm dir, so viel du willst.“ Bislang hatte ich diesen Satz fest in meinem Kopf abgespeichert. Es ist eine Grunderfahrung seit Kindertagen. Denn egal, ob im Kühlschrank, in der Speisekammer oder auch im Süßigkeitenschrank – es war einfach immer genug von allem da, ja sogar mehr als genug.

Mit dem Beginn der Corona-Krise ist meine kindliche Grunderfahrung ins Wanken gekommen. Ein Besuch im Supermarkt hat mich nachdenklich gemacht. „Nimm dir, soviel du willst.“ Dieser Satz galt plötzlich nicht mehr. Denn es war schlicht und ergreifend nichts da, was man hätte nehmen können. Die Regale, in denen sonst Unmengen verschiedener Mehl- und Nudelsorten, Tomatensauce, Seife und – ja natürlich auch – Toilettenpapier zu finden waren, waren über Wochen hinweg wie leergefegt. Ein seltsamer Anblick, ein komisches Gefühl in der Magengrube. Denn auch wenn von Notstand oder gar Hunger im eigenen Haushalt keine Rede sein konnte, nicht das kaufen zu können, was man gerade braucht, hat mich besorgt.

„Nimm, so viel du kannst.“ Dieser Satz ist für viele Menschen zu Beginn der Corona-Krise zum leitenden Motto geworden. Ich weiß nicht genau, warum eigentlich. War es die Sorge, sich nicht mit allem versorgen zu können, so dass man tatsächlich Mangel leidet oder gar hungert? War es der Unwille, sich selbst einschränken zu müssen, auf etwas verzichten zu müssen, was man einfach gerne hätte? War Einkaufen und sich Bevorraten das einzige, was man konkret in dieser Situation tun konnte, in der so vieles unklar und ungewiss und ja auch bedrohlich und beängstigend war? Eine eindeutige Antwort auf die Frage, warum so viele Menschen plötzlich Hamsterkäufe getätigt haben, gibt es nicht.

Viele Menschen meinen, dass die Erfahrung von Hamsterkäufen und leeren Regalen unser Verhältnis zu Nahrungsmitteln und auch zu den Produkten des täglichen Bedarfs verändert haben. Auch das tägliche Kochen, das in vielen Haushalten und Familien wieder zur Normalität geworden ist, hat zu einem längerfristigen Umdenken geführt: Wir wollen wissen, woher unser Essen kommt, ob die Tiere, die für unseren Fleischverzehr geschlachtet wurden, ein annehmbares Leben hatten, ob das Getreide für unser Brot, das Mehl und die Nudeln nicht mit übertrieben viel Dünger und Spritzmitteln angebaut wurde. Es sei ein neues Bewusstsein für die Lebensmittel, mit denen wir uns tagtäglich versorgen, entstanden, sagen Experten und Fachleute. Ob dem wirklich so ist? Ich weiß es nicht. Aber zu hoffen wäre es allemal.

Heute feiern wir Erntebittgottesdienst. Es ist in jedem Jahr gut, einen solchen Gottesdienst zu feiern. Er lenkt unseren Blick darauf, dass Wachstum und Gedeihen von den Pflanzen, die wir säen, von den Tieren, die wir züchten und mästen, nicht in unserer Hand liegen. Es gehört immer noch etwas Anderes hinzu: Das Zusammenspiel von unzähligen Faktoren, die wir selbst nicht kontrollieren und beeinflussen können, so sehr wir uns auch anstrengen. Wir nennen dieses Andere „Gottes Segen“. Es ist etwas, das Gott uns gibt, ja das er uns angedeihen lässt, damit wir leben können. Und auch wenn wir selbst in unseren Breiten erleben, dass die Ernte mal besser und mal schlechter ausfällt, weil es zu viel oder auch zu wenig geregnet hat, weil es kälter oder wärmer war als gut gewesen wäre – und in diesem Jahr auch, weil wir über die Erntehelfer aus Osteuropa nicht so frei verfügen konnten und können wie gewohnt: Wir leben unter den glücklichen Umständen, dass es am Ende immer zum Leben reicht. Ja mehr noch: dass wir am Ende eigentlich von allem viel mehr als genug haben. Um diesen Segen Gottes wollen wir heute bitten und dafür wollen wir ihm heute danken.

Dieser Blick auf Gottes Segen soll uns dazu anleiten, tatsächlich unseren Umgang mit allem, was wir zum Leben brauchen und was wir in der Regel so einfach im Supermarkt kaufen können, zu verändern. Nimm dir – nicht so viel du willst, nicht so viel du kannst. Nimm dir, soviel du brauchst aus Gottes Hand. Amen.